Utopie oder Dystopie? Die Verbundheit entscheidet unsere Zukunft. Die Welt in hundert Jahren.

Illustrationen Corinna Harss / Text Rike Pätzold

Zwei Szenarien – eine Utopie und eine Dystopie. Die Variable ist Verbundenheit oder die „Erdverbundenheit“, wie sie Bruno Latour in seinem terrestrischen Manifest sehr schön nennt.

Dystopie – niedrige Verbundenheit

 

Wir haben überlebt. Wir überleben immer noch, weil, leben kann man das nicht nennen. Irgendwann vor ein paar Jahrzehnten und nach vergeblichen Bemühungen das Ruder noch rumzureißen, wurde das Klima und seine Begleiterscheinungen – sprich das Wetter – so lebensfeindlich, dass das Chaos ausbrach.

Menschenmassen setzten sich in Bewegung auf der Suche nach Orten, die ihnen ermöglichten zu leben – durch den Anstieg des Meeresspiegels und des gleichzeitigen Verschwindens des Wassers blieb ihnen gar nichts anderes übrig.

Eine Pandemie folgte der nächsten, es kam zu einer Kaskade des Aussterbens von Tieren und Pflanzen. Wasserkriege, Bodenkriege, Ölkriege, Hunger und Durst taten ihr übriges.

Die, die übrig waren, zogen sich zurück nach drinnen, denn draußen war es nicht mehr auszuhalten. Durch Versiegen des Golfstroms war Mittel- und Nordeuropa unter den ersten Gebieten, die quasi unbewohnbar für Menschen wurden. Auch sonst wurde die Erde zunehmend lebensfeindlicher, und die Menschen fingen an nicht nur sich gegenseitig, sondern auch sie – die Erde – zu bekämpfen. Die Umwelt, die Natur, so sagten sie, hätte sich gegen sie gewandt und musste nun bezwungen werden. Wollen wir mal sehen, so sagten sie, wer hier der Meister ist.

Der Ressourcenabbau wurde in den Folgejahren intensiviert, es wurde gebohrt, geschürft, gefrackt, gefangen, gejagt, abgebaut, was das Zeug hielt. Gleichzeitig investierte man in Forschung. Mehr Energieeffizienz, mehr Performance, mehr Optimierung. Synthetisierung von Nahrungsmitteln, Extraktion von Nährstoffen aus allem, was der Planet (noch) hergab.

Und wir haben gesiegt. Wir leben, inzwischen als einige der wenigen überlebenden Spezies auf dem Planeten.

Der Kampf hört aber nicht auf.

Immer neue Seuchen, neue Bakterien, neue Viren, neue Parasiten verunmöglichen es uns uns frei zu bewegen. Wir leben drinnen, die meiste Interaktion zwischen Menschen findet virtuell statt: Arbeit, Shopping (virtueller Dinge), Unterhaltung, Beziehung, Sex. Alles und jeder wird überwacht, der noch funktionierende Rest des Ökosystems muss unter Kontrolle gehalten werden. Jeder einzelne darf am Tag nur eine bestimmte Anzahl Kalorien zu sich nehmen, der Carbon Footprint wird permanent überprüft. Bei Überschreitung gibt es sofort Punkteabzug. Die totale Post-Collapse-Ökodiktatur.

Utopie – hohe Verbundenheit

Wir leben auf den Ruinen der alten Welt. Jene Welt, in der unsere Väter und Vorväter noch nicht verstanden haben, wie alles mit allem zusammenhängt. Kybernetik, Komplexität und Chaostheorie werden nun schon den Kleinsten beigebracht.

Nach Öl und Gas bohren wir schon lange nicht mehr, unsere Energie beziehen wir von Wind, Sonne und Wasser. Organisiert in Communities wandeln wir das in Strom um, was uns jeweils zur Verfügung steht, in unserem Fall Wind und Wasser. Natürlich Meerwasser, Süßwasser ist viel zu kostbar. Alles verbrauchte Wasser wird durch Pflanzen und Algen gefiltert und wieder genutzt.

In meiner Kindheit musste ich jeden Tag  helfen Müll zu sammeln, vor allem verwertbaren Müll. Es hieß auch nicht mehr Müllsammler, sondern Ressourcensammler und für jedes Kilo verwertbaren Müll wurde meine Familie bezahlt. Zuerst wurden wir noch oft ausgeraubt, aber als die Bezahlung nicht mehr in bar, sondern über die Blockchain erfolgte, war das kein Problem mehr. Unser Leben verbesserte sich immer mehr. Irgendwann zogen wir dann – gemeinsam mit anderen, von denen einige noch heute in unserer Community leben – in leerstehende Hochhäuser. Die City, einst so busy mit beanzugten und kostümierten Männern und Frauen war zu dem Zeitpunkt schon fast geisterhaft. Die meisten arbeiteten ohnehin von zuhause, und viel Geld war ohnehin nicht mehr zu machen.

Darum ging es auch gar nicht mehr. Die superreichen Eliten hatten sich da schon längst auf ihre Raumstation zurückgezogen und uns andere zum Sterben auf der ausgebeuteten Erde zurückgelassen. Aber mit uns hatten sie nicht gerechnet.

Ohne ihre Beschwörungsformeln vom Heil im ewigen Konsum, Beschleunigung, Rendite, Profit, Performance und ständiger Selbstoptimierung, wurden plötzlich andere Dinge wichtig.

Nach einer anfänglichen Phase des Selbstmitleids und der Verzweiflung kam irgendwann die Hoffnung zurück. Selbstverantwortung, Demut, Hilfsbereitschaft, Würde – die Sprache veränderte sich.

Und da war plötzlich die tiefe Erkenntnis, dass es ohne einander nicht geht. Dass wir Teil der Natur sind. Erdverbundene unter Erdverbundenen. Umwelt ist nicht Umwelt sondern Mitwelt. Wir begannen uns zu organisieren. Aufzuräumen. Sauber zu machen. Einander zu helfen, uns zu vernetzen.

Wir bevölkern nun die alten Strukturen und füllen sie mit neuem Leben. Es gibt keine Nationen mehr, nur noch miteinander vernetzte Stadtstaaten, ein Mycel an kooperierenden und kollaborativen Einheiten. Cooperate or die.

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