Unterwasserstadt Undineon – die Welt in 100 Jahren

von Marten Steppat

Mit dem Aqualight glitten wir schnell und elegant über das Wasser, ohne dass die Wasseroberfläche von dem Fahrzeug berührt wurde. Die Sonne brannte heiß auf uns hinab, doch ihr Licht brach sich hypnotisch in den kleinen Wellen um uns herum. Ich liebte dieses Glitzern.

„Hannasam hat so komische Mundbewegungen gemacht“, sagte Marin nachdenklich, „die überhaupt nicht zu seinen Worten passten.“

Er war noch vollkommen fasziniert und verwundert von den Menschen, die an Land lebten: ihre ungezwungene Art, ihre Herzlichkeit, ihre Einfachheit. Sie waren so ehrlich und direkt, im Gegensatz zu unserem diplomatischen Verständnis.

Mit Hannasam hatten sie Waren und Post ausgetauscht, aber auch Neuigkeiten und kleine Knabbereien, die man sich gegenseitig als Geschenke überreicht hatte.

„Er spricht eine Land-Sprache“, erklärte ich. „Deine Akkusta hat seine Worte automatisch übersetzt.“

Marin fasste sich automatisch an das kleine, kaum sichtbare Gerät hinter seinem Ohr. Er drückte einen versteckten Knopf an dem Gerät und fragte: „Was ist eine Land-Sprache?“

Dann lauschte er, lächelte und nickte.

„Warum verzichten denn so viele Land-Menschen auf eine Akkusta?“, fragte Marin neugierig. „Es bietet doch so viele Vorteile!“

Die Geschichte durfte nicht in Vergessenheit geraten

„Die Menschheit lebte einst im Technik-Wahn“, begann ich, „und hat damit fast den Planeten vernichtet. Das Land war überflutet von Produktionsanlagen und Abfall. Tiere und Pflanzen fanden keine Lebensgrundlage mehr.“

Wir näherten uns den Landeplattformen von Undineon. Ich drosselte das Tempo.

„Zum Schluss nicht mal die Menschen selbst“, sagte ich und achtete auf die Bojen, die mir den Weg wiesen. Sie waren kaum sichtbar, also nahm ich den Bordcomputer zur Hilfe, um mich zu orientieren.

„Deswegen hat man überhaupt erst Städte unter Wasser gebaut“, fuhr ich fort, „um der Natur über dem Meeresspiegel die Möglichkeit zu geben, sich wieder zu erholen.“

Vorsichtig manövrierte ich zwischen großen und kleinen Meeresfahrzeugen hindurch und suchte eine freie Plattform für Aqualights.

Ich kam zum Stehen und drückte den Knopf für den sogenannten Landevorgang. Transparente Wände stiegen zu allen vier Seiten um uns herum in die Höhe und schufen damit einen sicheren Raum. Augenblicke später sanken wir in unserem Wasserfahrzeug in die Tiefe.

Ein künstliches Paradies erstreckte sich unter uns

Unter den gigantischen transparenten Kuppeln der Stadt erstreckten sich Parks, Hängende Gärten, Tier-Farmen und Wohngebiete. In der Ferne leuchteten die Lichter der Produktionshallen für Maschinen und Computer.

Unsichtbare Linsen über den Kuppeln bündelten das Sonnenlicht, das durch das Wasser des Ozeans zu fließendem Honig wurde, und tauchten die Stadt in eine Atmosphäre des Friedens und der Feierlichkeit.

„Dann hatte es ja etwas Gutes“, rief Marin begeistert aus und warf die Hände in die Luft. Seine Augen leuchteten jedes Mal bei diesem Ausblick.

Unwillkürlich musste ich lachen, obwohl mein Herz schwer wurde.

„Aber zu welchem Preis“, seufzte ich und erntete dafür einen fragenden Blick meines Sohnes.

„Die Oberfläche ist kaum noch bewohnbar“, erklärte ich. „Einst soll es dort oben genau so – nein, sogar noch viel schöner ausgesehen haben als hier, voller Zauber und Leben! Die Menschen, welche sich freiwillig dazu entschieden haben, dort zu bleiben, sind wahre Helden.“

Ich holte tief Luft, Tränen stiegen in mir auf.

„Viele Gifte und Gefahren haben unsere Vorfahren uns hinterlassen“, erläuterte ich meine Aussage weiter. „Die Arbeit, den Planeten wieder bewohnbar zu machen, ist nicht nur schwer, sondern auch gefährlich.“

„Und warum benutzen die Menschen an Land keine Pickies?“, fragte Marin mit Unverständnis in der Stimme.

Er benutzte die umgangssprachliche Bezeichnung für PKIs; Personen Künstlicher Intelligenz.

Die ‚Personen Künstlicher Intelligenz‘ waren überall

Wir schauten uns um uns blickten auf die PKIs von Undineon. Sie bauten das Obst und Gemüse für uns an, kümmerten sich um die Tiere, übernahmen alle Reparatur- und Reinigungsarbeiten und arbeiteten in den Fabriken.

„Weil sie so viel Energie brauchen?“, versuchte Marin selber eine Erklärung zu finden.

„Auch an Land lassen sich die notwendigen Energiemengen aus natürlichen Quellen erzeugen“, entgegnete ich kopfschüttelnd, „aber man will dort das Problem nicht mit den gleichen Methoden zu lösen versuchen, mit denen es überhaupt erst entstanden ist.“

Marin nickte und erklärte ernst: „Das verstehe ich. Sie wollen den Technik-Wahn nicht mit noch mehr Technik bekämpfen.“

Ich musste lachen, aber mein Sohn hatte den Nagel auf den Kopf getroffen.

Wir kamen unten an und stiegen aus. Ein PKI grüßte uns unaufdringlich und begann damit, den Aqualight in einer Parkbucht zu verstauen.

Die Gefahren der Technik waren uns bewusst

„Außerdem wollen sie nicht so abhängig von der Technik sein, wie wir es sind“, ergänzte ich.

„Aber das sind wir doch gar nicht!“, widersprach Marin. „Wenn jetzt aus irgendeinem Grund alle PKIs von Undineon gleichzeitig ausfielen und nicht zu reaktivieren wären, gäbe es die Notfall-Direktiven, die uns sagen, wie wir alles alleine am Laufen halten können.“

In der Entfernung sahen wir eine Gruppe von Land-Menschen. Sie waren Teilnehmer eines Austauschprogrammes zwischen Undineon und verschiedenen Orten an Land. Man konnte erkennen, wie eine Gruppe von PKIs sich ihnen näherte, die speziell für dieses Austauschprogramm zu Verfügung standen und Interaktion aufnahmen.

Wir beobachteten, wie einige Land-Menschen auf Abstand gingen, andere unentschlossen stehen blieben, während ein paar wenige aufgeschlossen und interessiert auf die PKIs zugingen.

„Es kommt gleich sicher wieder zu einem simulierten Total-Ausfall“, prophezeite ich. „Dann wirst Du heute wohl darauf verzichten müssen, Dich virtuell mit Deinen Freunden zu treffen.“

Marin machte ein langes Gesicht. Jetzt spürte er die Abhängigkeit von der Technik. Nächstes Jahr würde er selbst am Austauschprogramm mitmachen können und mehr über die Draußen-Welt‘ erfahren.

Als das zusätzliche, künstliche Licht durch den simulierten Total-Ausfall erlosch, ließ es die Unterwasserstadt in einem magisch funkelnden Leuchten zurück.

Marten Steppat
Marten Steppat

Chefredakteur der Rubrik „Science Fiction“, Buchautor und Trainer für kreatives Schreiben

liebt, sammelt und überarbeitet Geschichten über die Welt in 100 Jahren für die Utopiensammlerin. Gerne veröffentliche ich auch Deine Welt in 100 Jahren. (E-Mail)

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