Digital dumm – Macht die Digitalisierung uns alle zu Flachdenkern?

Der moderne Mensch ist vor allem eines: Zerstreut! In einer Zeit, in der wir meistens digital überfordert sind, stellt sich eine elementare Frage: Wird unser Denken durch das Internet zunehmend verflachen? Wie können wir konzentriert, reflektiert und inspiriert bleiben?

Work-Life-Balance ist Vergangenheit

Dort, wo vor kurzem noch von Work-Life-Balance gesprochen wurde, ist heute eine neue Fähigkeit wichtig geworden: Die Fähigkeit, sich der digitalen Welt zu entziehen – die Kompetenz, abzuschalten und „off“ zu sein: Die Digital-Analog-Balance! Ob Mail, Meldung oder WhatsApp-Nachricht – Reizüberflutung ist Motto – und das schon lange nicht mehr nur beruflich – sondern immer mehr auch privat: Während man sich heute mit einer Sache beschäftigt, ist man regelmäßig – nebenbei – mit einer Flut von Informationen konfrontiert: Es brummt das Handy, Mails und Nachrichten aus den sozialen Medien ploppen auf. Die meisten Menschen haben ihr Smartphone bereits kurz nach dem Aufwachen in der Hand.

Unser Alltag gleicht einer allumfassenden Dauerablenkung

Das bleibt nicht ohne Konsequenzen. Manche Forscher sehen unsere Fähigkeit zur tiefen Konzentration bereits schwinden. „Deep-Reading“, die Fähigkeit, sich auf einen Text zu konzentrieren, sei beispielsweise in Gefahr, weil das Gehirn ständig abgelenkt sei, statt sich zu konzentrieren. Die Psychologin Patricia Marks Greenfield kommt mit ihren Studien zu dem Schluss, dass jedes neue Medium der Menschen einige kognitive Fähigkeiten auf Kosten einer anderen weiterentwickelt.

Die Psychologin Greenfield geht von einem Zusammenhang kognitiver Fähigkeiten und verfügbarer Medien aus: Die zunehmende Nutzung digitaler Medien führt ihrer Ansicht nach zu einer Stärkung der räumlich-visuellen Intelligenz. Das befähigt uns einerseits, Aufgaben zu bewältigen, die mit schnell wechselnden Signalen einhergehen, provoziert aber auch eine Schwächung unserer Fähigkeit, komplexe kognitive Aufgaben zu bewältigen, wie z.B. langfristige Aufmerksamkeit – welche beim Lesen eines Buches notwendig ist.


Ein Blick in die Vergangenheit beruhigt: Schließlich wurde nicht aufgehört Bücher zu lesen, nur weil die Menschen Radio und TV bekamen. Technologien können durchaus parallel existieren. Warum sollte das mit dem Internet nicht ebenso sein? Oder –

Reicht unser Denken in Zukunft etwa nur noch für Katzenbilder und kurze radikale Statements?

Der Medienspsychologe Tobias Rothmund geht davon aus, dass die extreme Überflutung mit Informationen in der digitalen Medienöffentlichkeit den großen Erfolg von Falschmeldungen begünstigt. Anbieter von Nachrichten versuchen heute mit allen Mitteln, Aufmerksamkeit zu generieren.

Unsere Welt hat sich auf eine seltsame Weise selbst entzündet:  Nur Informationen, die kurz und prägnant sind, werden rezipiert und weiterverarbeitet. Ausgewogene, sachliche Meldungen sind prinzipiell im Nachteil gegenüber radikalen oder skandalträchtigen Botschaften. Journalisten lernen beispielsweise, dass ihre Texte online viel kürzer verfasst werden müssen, als in gedruckten Ausgaben. Die Konzentration der Leser reicht oft nicht bis zum Ende des Textes. Links werden häufig nicht geöffnet und es wird trotzdem– lediglich aufgrund der Überschrift – in den sozialen Medien kommentiert.

Zerstört das Internet unseren Sinn für Distanzen?

Manche Menschen haben weit über tausend Freunde in den sozialen Medien und sind analog dennoch einsam. Es scheint, als beeinträchtigt das Internet unseren Sinn für Bindungen, unser Verständnis von Nah und Fern. Der Psychologe Robin Dunbar bezeichnete mit der Zahl 150 jene Anzahl stabiler sozialer Beziehungen, die ein Mensch in der Lage sei, einzugehen. Diese Zahl folgerte er aus dem Verhältnis zwischen der menschlichen Gehirngröße und sozialer Gruppengröße. Stimmt seine These, sind viele von uns mit der Zahl ihrer digitalen Freunde bereits komplett überfordert. Unsere Fähigkeit, wichtige Menschen und Dinge von unwichtigen zu trennen, wird durch die Digitalisierung hart auf die Probe gestellt. Unsere geistigen Kapazitäten werden durch unser „Dauer-On“ überfordert.

Quantität statt Qualität – Wird der Inhalt immer nebensächlicher?

Was eine wichtige Nachricht ist und was nicht, das entscheiden heute meistens Klickraten. Medien, die skandalieren, übertreiben und alarmieren, werden von Usern beachtet und provozieren nicht selten Panik. Wir werden zu Opfern digital geschürter Ängste, die sich online ausbreiten können, wie kognitive Epidemien. Gleichzeitig sorgt die zunehmende Vernetzung von Leben und Arbeit dafür, dass wir immer seltener auf unsere mobilen Geräte verzichten wollen oder können. Es scheint, als haben wir uns mit der Digitalisierung eine Echokammer unserer Sehnsüchte und Ängste erschaffen, die uns permanent herausfordert. Ich glaube, vielen Menschen ist heute bereits der stetige Widerhall des digitalen Echos bewusst geworden. Es herrscht Klarheit darüber, dass die Digitalisierung nicht nur befreit und befähigt, sondern auch einengt und begrenzt.

Die menschliche Sehnsucht nach Gleichgewicht

Der Mensch scheint grundsätzlich eine Balance zwischen Individuum und Gesellschaft anzustreben, um auf tiefe Entfremdungserfahrungen reagieren zu können. Der Soziologe Hartmut Rosa hat in diesem Zusammenhang den Begriff der „Resonanz“ geprägt, was für ihn sogar zu den Grundbedürfnissen der Menschen zählt. Mittlerweile sprechen wir nicht mehr nur von einem Bedürfnis nach Resonanz, sondern von einer ganzen bedürftigen Gesellschaft: Der Resonanzgesellschaft! Wie schaffen wir das Gegengewicht zu unseren digitalen Echokammern – wie gehen wir in Resonanz?

Gegentrend zum Flachdenkertum? Achtsamkeit!

Googelt man den Begriff Achtsamkeit oder Mindfulness, erhält man rund 122 Millionen Treffer. Die Achtsamkeit ist ein Star geworden, ein Megatrend. Sie hat es auf die Titelseiten großer Magazine geschafft und wurde sogar zur Gründungsidee für Magazine wie Flow. So, wie die Digitalisierung einst Leben und Arbeit verbunden hat, tut es heute der Gegentrend der Achtsamkeit: In vielen deutschen Unternehmen verdrängen Achtsamkeits- und Emotionstrainer bereits Horden von Unternehmensberatern. Berufen mit Schwerpunkten wie Empathie und Kreativität gehört – in einer von Robotern betriebenen Arbeitswelt – die Zukunft. Schon längst wurde erkannt, dass in der Digitalisierungsdebatte – die heute oft im Zusammenhang mit der künstlichen Intelligenz geführt wird – nicht die Technologie im Mittelpunkt stehen darf.

Es geht nicht um das Internet der Dinge, es geht um das Internet der Menschen. Nicht länger soll die Technik unser Leben bestimmen, sondern unser Leben die Technik – und damit auch die Wirtschaft. Achtsamkeit überrollt Technologien – MeditationsApps wie Calm oder Headspace sind voll im Trend. Wo man auch hinkommt, immer mehr wird achtsam geatmet, gekauft, gegessen, kommuniziert und gelebt. Es gibt so viele Berater für ein besseres Leben, dass sie sich bereits gegenseitig ihre Beratungsangebote unterbreiten.

Dieser psychische Trend hat sein Pendant in der physischen Welt: Minimalismus wird heute für immer mehr Menschen zum Lebensprinzip. Leben in Tinyhomes, Tauschen statt Kaufen und freie Zeit statt Vollzeitjob ist für viele heute ein erstrebenswertes Lebensziel. Die minimalistischen Communities tauschen sich im Netz weltweit aus und potenzieren ihre Anhänger kontinuierlich. Vor dem Hintergrund der wachsenden Weltbevölkerung und den schwindenden Ressourcen steckt dieser Trend ganz sicher noch in seinen Kinderschuhen.  

Die Digitalisierung bringt eine völlig neue Bewegung hervor

Die fluid-digitale Realität unserer Epoche hat den Menschen ein besonderes Geschenk gemacht: Dankbare Gelassenheit, Verankerung in der Gegenwart, Aussöhnung mit der Vergangenheit und ein optimistischer Blick in die Zukunft ist das Motto vieler Menschen geworden. Die wenigsten können heute noch etwas mit dem „No-Future-Trend“ der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts anfangen: Leben statt Horten, Stabilität statt Wachstum und ein Denken in Möglichkeiten – Possibilismus – das sind die Maxime, die sich sukzessive in der Mitte der Gesellschaft etablieren und unsere Zukunft bestimmen werden. Dabei ist diese Gelassenheit nicht mit der abwesenden Ignoranz vergangener Tage zu verwechseln. Es geht nicht um Selbstgerechtigkeit, sondern um die Verbindung zu sich selbst in einer globalen und gerechten Welt. Die Möglichkeiten für realisierte Utopien waren nie zuvor so gut, wie heute.

Eine kleine aber laute Minderheit pöbelt digital rum

Kritiker dieses Trends mögen an dieser Stelle sicher von dem Erregungsmoralismus in den Filterblasen der sozialen Medien sprechen. Diesen möchte ich zurufen: Diese Menschen sind nicht die Mehrheit – sie sind nur eine digital präsente Minderheit – eine lächerlich kleine, aber laute Minderheit würde man in der analogen Welt sagen. Folgt man den Studien von Stephan Neubaum von der Universität Koblenz-Landau und Shira Dvir Gvirsham von der Universität Tel Aviv gehört die Mehrheit in den sozialen Medien sogar zu den digital schweigenden Diskussionsmuffeln.

Die meisten Menschen sind digital entspannt

Die Mehrheit übt sich in aktiver digitaler Gelassenheit. Sie hat eine eigene Meinung, die sie nicht fortwährend in die digitale Welt hinausposaunt. Sie ist souverän und fuchtelt nicht affektgetrieben in den digitalen Medien herum. Sie muss niemanden etwas beweisen, weil sie begonnen hat, nach innen zu schauen – um sich selbst die Treue zu geben. Authentizität und Selbstverwirklichung sind jene Begriffe, welche zunehmend unser Leben bestimmen. Der Weg ist das Ziel – die achtsame Innenschau liefert Antworten auf die wirklich wichtigen Fragen: Wer bin ich – wie will ich leben? Welches ist mein Platz in der Welt? In was für einer Welt will ich leben? Diese Fragen waren selbstverständlich auch schon in der Vergangenheit elementar, um eine Identität zu definieren. Doch heute treffen die Antworten auf eine riesige global- digital vernetzte Welt voller Möglichkeiten und Gleichgesinnten.

Nicht mehr aufzuhalten: Verbundenheit mit allem und jedem!

Der Gegentrend der Achtsamkeit zieht sich heute schon durch alle gesellschaftlichen Schichten und ist nicht mehr aufzuhalten. Historisch betrachtet etablierten sich schon immer gesellschaftliche Gegenbewegungen, wenn eine Technologie das Leben der Menschen zu dominieren drohte. Die Digitalisierung hat die Welt global ergriffen und verändert. Ihre Gegenbewegung läutet in leisen und achtsamen Atemzügen den Postkapitalismus ein: Und das – durch die Digitaliserung selbst – rasant und weltweit!

Für mich gibt es einige Gründe zu hoffen, dass wir Menschen schlauer und besser werden können, als wir es jemals in unserer Geschichte waren.

„Ich liebe mich selbst!“

– das ist die leiseste, einfachste und mächtigste Revolution aller Zeiten.

Nayyirah Waheed

Susanne Gold

Gründerin & Herausgeberin des Zukunfts- und Wissenschaftsblogs Utopiensammlerin

Futuristin, Utopistin, Erfinderin und Sozialwissenschaftlerin. Sucht Utopien und sammelt Geschichten. Versteht Digitalisierung als Aufbruch in eine neue Welt – und träumt von einer besseren.

Ein Gedanke zu „Digital dumm – Macht die Digitalisierung uns alle zu Flachdenkern?

  1. lyriost sagt:

    Die Flachdenker gibt es schon immer. Neuerdings fällt das bloß mehr auf. Früher sah man nur die Leute, die man sich ausgesucht hatte. Mit den andern hatte man nichts zu tun, außer beruflich vielleicht – etwa als Psychiater.

    Bei mir selbst habe ich derartige Tendenzen noch nicht wahrgenommen. Ganz im Gegenteil: Durch den jederzeitigen Zugriff auf Wissensinhalte und die Möglichkeit, stets unterschiedliche Perspektiven wahrnehmen zu können, hat sich meine Wahrnehmung differenziert, und mein Denken wird ständig befruchtet.

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