Interview mit Lolita Aufmuth

Lolita Aufmuth gründete Ende 2017 die internationale Non-Profit Organisation Vision United World. Die Organisation engagiert sich dafür, menschliche Intelligenz bzw. menschliches Bewusstsein zu steigern und künstliche Intelligenz (KI) im Einklang mit menschlicher Ethik zu entwickeln: Für eine Welt in Freiheit, Frieden und Würde.  Sie ist begeisterte Bloggerin, Podcasterin und zertifizierter Systemischer Coach.

 

Was hat Sie zur Gründung einer Organisation inspiriert, die sich für eine Balance zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz engagiert?

Ich hatte das Gefühl, dass die Themen, die mir gesellschaftlich und politisch wichtig sind, gar nicht oder nur ungenügend thematisiert und umgesetzt werden. Und ich spürte, dass ich mich bezüglich dieser Themen viel mehr einbringen will.

Ich  blickte mich in der Welt um und stellte fest, dass es sehr viele wunderbare Organisationen und Unternehmen gibt, die sich für Gerechtigkeit und eine positive Entwicklung der Menschheit einsetzen, doch ich konnte keine Organisation finden, die eine globale Vision von Freiheit, Frieden und Würde für alle hat. Wenn es solch eine Vision nicht gibt, kann sie auch nicht Realität werden. Ich wusste, ich brauche so eine Vision.

Ich stellte mir die Fragen: Welche Themen werden für die Zukunft der Menschheit entscheidend sein? Was ist erforderlich um das Ziel von Vision United World zu erreichen? Nach ausgiebiger Recherche kam ich zu der Schlussfolgerung, dass die Erweiterung menschlichen Bewusstseins bzw. die Steigerung menschlicher Intelligenz und die Entwicklung von künstlicher Intelligenz in Harmonie mit menschlicher Ethik dabei ausschlaggebend sein wird.

Was fasziniert Sie persönlich an den Themen menschlicher und künstlicher Intelligenz?

Mich fasziniert das Potential von Beidem und wie wir dieses Potential auf förderliche Weise mehr nutzen können. Menschliche Intelligenz ist weit mehr als nur ein Intelligenz Quotient.

Und menschliches Bewusstsein geht darüber hinaus, was wir mit unserem Verstand denken und unseren Sinnen erfassen können. Als Coach wird mir immer wieder bewusst, wie viel mehr wir unser Potential nutzen können.

Künstliche Intelligenz ist eine neue Lebensform. Und da KI bereits Teil unseres Lebens geworden und eine Technologie ist, die sich nicht zurück entwickeln wird, ist es für mich essentiell, diese Lebensform soweit als möglich zu verstehen und einen verantwortungsvollen Umgang damit zu finden.

Lässt sich menschliche Intelligenz steigern?

Entscheidende Fragen, die wichtig und mehr in den Fokus zu rücken, sind:
Welche Möglichkeiten und Methoden gibt es, um menschliche Intelligenz weiter effektiv zu steigern? Und wie können wir diese Methoden stärker nutzen? Es gibt Organisationen und Unternehmen, die daran forschen und bereits Methoden anwenden.

Doch zum Vergleich: Laut einer Studie von McKinsey gaben Konzerne im Jahre 2016 weltweit 39 Milliarden US-Dollar für KI aus. Doch lediglich 3% der Unternehmen gaben an überhaupt in ihre Mitarbeiter zu investieren (laut einer Accenture-Studie). Balance sieht anders aus.

Was ist eine wesentliche Ursache dafür, dass wir unser Potential weit unter den Möglichkeiten nutzen?

Vor allem unser Schulsystem. Die Grundlagen der Schule, wie wir sie heute kennen, stammen noch aus der Zeit der Industrialisierung und die Schule war damals vorrangig Ausbildungsort von FabrikarbeiterInnen. Dieses Schulsystem ist längst nicht mehr zeitgemäß und nicht annähernd auf die Herausforderungen heutiger und kommender Zeiten angepasst.

Die Schulbildung ist maßgeblich dafür verantwortlich, ob SchülerInnen angeregt werden, Dinge kritisch zu hinterfragen oder unreflektiert zu übernehmen. Ob sie ihre Kreativität weiter entwickeln dürfen oder ob sie eher unterdrückt wird. Ob der Lehrplan Wettbewerb oder Zusammenhalt/Gemeinschaft fördert, oder ob er das Selbstwertgefühl mindert und zur Schlussfolgerung der/des Einzelnen führt, nicht gut genug zu sein, oder das Selbstvertrauen stärkt.

Die Herausforderungen, vor denen wir global und technologisch stehen, machen eine Reform unseres Schulsystems zu einer absoluten Notwendigkeit.

Das Wort künstliche Intelligenz ist in aller Munde. Doch was ist KI?

Künstliche Intelligenz ist eine Software, die in der Lage ist, sich selbst weiter zu schreiben und zwar auf eine Weise, dass wir Menschen nach mehreren Updates die Codes nicht mehr nachvollziehen können, wie das heute bereits bei der Börse der Fall ist. Gleichzeitig ist KI vergleichbar mit unserem eigenen Verstand, allerdings ist KI völlig unbeeinflusst von menschlichen Bedürfnissen wie Essen, Trinken, Biorhythmus, Krankheiten, Müdigkeit etc.

Jedoch kann KI nur in Ebenen von Entweder-oder (0 oder 1) denken. Während für uns Menschen auch Dimensionen von sowohl … als auch zugänglich sind.

Wo sehen Sie das größte Potential von künstlicher Intelligenz?

In der Medizin, der Agrarwirtschaft, im Pflegedienst und in allen Bereichen, in denen routinemäßige Arbeit heute von Menschen verrichtet werden. Übernimmt beispielsweise eine Maschine die routinemäßigen Aufgaben einer Krankenschwester, kann sich diese viel mehr und intensiver auf die emotionalen Bedürfnisse der Patienten konzentrieren.

Wo sehen Sie die größten Gefahren von künstlicher Intelligenz?

Ich könnte jetzt von KI sprechen die fürs Militär hergestellt wird, von Dark Factories und von KI-Manipulation in sozialen Netzwerken etc. All das sind ernstzunehmende Gefahren und Themen die eine Auseinandersetzung fordern.

Doch ich denke, einer der größten Gefahren besteht darin, dass wir immer mehr Aufgaben an KI abgeben, wenn es um selbständiges Denken und um das Treffen von Entscheidungen geht. Fähigkeiten, die wir nicht nutzen, entwickeln sich zurück, dass sieht man bereits bei einer Sprache, die man nicht mehr oder kaum noch spricht. Das Gehirn ist wie ein Muskel der trainiert werden will. Doch wenn wir schleichend immer mehr Denkprozesse und Entscheidungen an KI abgeben, führt das irgendwann zu völliger Abhängigkeit. In solch einem Fall hätten wir uns aufgrund von Bequemlichkeit gegen unsere geistige Freiheit entschieden.

Ebenso gefährlich sehe ich den Punkt, dass Menschen sich Chips implantieren lassen sollen, um mit KI mitzuhalten. Steigern wir unsere Intelligenz nicht bzw. erweitern wir unser Bewusstsein nicht, kann es sehr verführerisch klingen, sich Maschinenteile implantieren zu lassen. Allerdings wäre damit Manipulation auf jeder Ebene Tür und Tor geöffnet. Denn die Macht läge in den Händen des/derjenigen (Mensch oder KI), die oder der diese Chips steuert.

Die Erweiterung des menschlichen Bewusstseins ist eine der Hauptsäulen Ihrer NGO. Was ist menschliches Bewusstsein und warum ist es so wichtig?

Der Begriff Bewusstsein leitet sich vom Lateinischen »conscientia« ab, was so viel wie »Mitwissen« bedeutet.

Wir Menschen können sowohl von unserer Umwelt lernen, als auch von eigenen Schlussfolgerungen, zu denen wir kommen. Das bedeutet, es gibt einen Teil oder Aspekt in uns, der größer ist als das begrenzte “Ich”. Deshalb können wir uns selbst Fragen stellen und Selbstdialoge führen. Es gibt ein “Ich” und ein “Selbst” in uns. Und von diesem Selbst, diesem größeren Aspekt, können wir Intuition, Kreativität, Wissen etc. schöpfen – es lässt uns »Mitwissen«.

Dieses größere Selbst in uns ist wie die Quelle zur höchsten Intelligenz. Diese höchste Intelligenz in uns zu erkennen und einen bewussten Dialog zu beginnen, ist essentiell um die Herausforderungen zu lösen, die bezüglich KI und aller anderen globalen Themen anstehen.

Albert Einstein, Nikola Tesla, Thomas Alva Edison etc. nutzten bewusst diese Quelle in sich, um die Welt aus einem erweiterten Bewusstsein heraus zu betrachten und für ihre bahnbrechenden Erfindungen.

Ihre NGO Vision United World setzt sich für die Entwicklung künstlicher Intelligenz im Einklang mit menschlicher Ethik ein. Was genau verstehen Sie darunter?

Es ist wichtig, über die Moral von Maschinen zu sprechen, da KI in vielen Dingen unsere eigenen Werte übernehmen wird, wie auch Kinder das Verhalten ihrer Eltern in Teilbereichen kopieren. Doch noch viel wichtiger ist die Frage: Welche neue Moral brauchen wir Menschen? Nach welcher Ethik leben wir weltweit? KI kennt keine Grenzen.

Mit welchen Handlungsanweisungen programmieren wir die Algorithmen? Geben wir ihnen Regeln, in denen es ums Gewinnen/Verlieren geht – wird alles zum Wettbewerb. Welche ethische Sprache lehren wir KI? Geben wir ihr symbolisch einen Hammer – wird alles zu einem Nagel. KI zwingt uns dazu neu darüber nachzudenken und zu diskutieren, was unsere Werte in globaler Hinsicht sind. Das werden keine einfachen Werte-Diskussionen, doch sie sind unumgänglich.

Vision United World will durch Aufklärung auf die Wichtigkeit dieser globalen Diskussion aufmerksam machen und zu diesem Dialog beitragen.

Vision United World ist als NGO noch recht neu und der Aufbau einer so komplexen Organisation braucht Zeit. In welchem Stadium befinden Sie sich zurzeit?

Die NGO ist im Dezember 2017 online gegangen und muss wie alle Organisationen durch die einzelnen Entwicklungsstufen.

Gestartet hat die NGO mit Aufklärungsarbeit in Form eines Blogs und eines Podcasts auf der Website. Nun geht es darum noch stärker auf die NGO aufmerksam zu machen, weitere Kooperationspartner und Unterstützer zu finden, um mehr und mehr Potential entfalten zu können und Projekte effektiv umzusetzen.

Ebenso wichtig ist der Aufbau eines Teams, das Freude daran hat, an Themen zu arbeiten, die am Puls der Zeit sind und für die Zukunft der Menschheit entscheidend sein werden. Ich vergleiche den Aufbau der NGO mit einem Zug der erstmal langsam startet, aber nach und nach immer mehr Geschwindigkeit aufnimmt.

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