Ein Pünktchen am Strand brachte ihr Glück

Ein Pünktchen am Strand brachte ihr Glück. 

Mitte der 70er Jahre war Gudrun
gerade mit der Schule fertig. Bis dahin hatte sie nichts von der Welt gesehen. Ihre
Ferien verbrachte sie mit ihren Eltern in einem Wohnwagen an der Ostsee – ihren
Alltag in der Wohnung in jenem niedersächsischen Dorf, welches ihre Heimat war.
Dort gab es nur wenige Einwohner und keine Schule.

Um am Unterricht teilzunehmen,
fuhren die Dorfkinder jeden Morgen mit dem Schulbus in die nächstgelegene Kreisstadt.
Im Schulzentrum tummelten sich die Kinder sämtlicher Dörfer der Umgebung. So
ergab es sich, dass man in dem Bus – der jeden Morgen seine Route über die
Dörfer fuhr – Kinder anderer Dörfer sah.

Erste Liebe und großer
Kummer.

An der Schule hatte sie
Achim kennen gelernt. Von der achten Klasse bis zum Abitur waren sie
unzertrennlich gewesen. Sie haben kaum andere Freunde gehabt, sind meistens zu
zweit geblieben. Als Achim sich trennte, wurde ihr das zum Verhängnis, denn sie hatte
keinen Freundeskreis, der sie von ihrem Kummer ablenkte.

Das Ende der Beziehung
war für sie daher schmerzlich und einsam. Achim hatte sich von einem Tag auf
den anderen nicht gemeldet und war nicht zu erreichen. Er war zu feige gewesen,
ihr zu sagen, dass er sich in eine andere verliebt hatte.

Viele Wochen verbrachte
sie mit ihrem Kummer für sich allein in ihrem Zimmer. Ihr seelischer Zustand versetzte
ihre Eltern in große Sorge. Die Eltern, die stets liebevoll um sie bemüht
waren, versuchten alles Erdenkliche, Gudrun aus ihrer Trauer zu holen.

Ein Aushilfsjob mit
Inspiration.

Nach qualvollen Wochen
des Kummers forderten ihre Eltern, dass es nun an der Zeit sei, wieder heraus zu
finden und etwas Sinnvolles zu tun. Sie beugte sie sich deren Wunsch und fand
in der Folgezeit eine Arbeit als Aushilfe in einem kleinen Cafe der Kreisstadt.

Dort brachte sie den Gästen
Kuchen und Kaffee und kam mit Menschen ins Gespräch. Es tat ihr gut und ihre
Traurigkeit verblasste langsam. Eines Tages erzählte ein Gast von seinem
Urlaub in Griechenland. Seine Beschreibungen gingen ihr nicht aus dem Kopf –
dort wollte sie hin.

Träumen von der unbekannten
Ferne.

Wie wundervoll hatte er
es beschrieben – den feinen Sand, das Wasser, den Himmel, die Menschen und die
Wärme der Sonne. Wie anders muss es dort sein, als in ihrer Heimat? Sie war vom Fernweh
gepackt und sprach mit ihren Eltern darüber.

Zu ihrer Verwunderung
freuten sich diese über ihre Idee, zu reisen. Mehr noch, sie stockten ihr
Budget noch um ein paar hundert Mark auf und schienen dabei fast noch aufgeregter
als sie selbst zu sein.

Im folgenden Monat beendete sie den Job im Cafe, kaufte sich ein Interrail Ticket und trat die
weite Reise ganz alleine an. Ihr Herz schlug bis zum Hals, als sie ihre Eltern nachblickte,
wie diese mit einem Taschentuch und feuchten Augen dem abfahrenden Zug hinterher
winkten.

Fahrt ins Paradies.

Die Landschaft veränderte
sich während der langen Fahrt kontinuierlich. Für sie, die nie weiter südlich
als Hannover gewesen war, schien es wie ein Wunder. Sie blickte aus dem Fenster
den vorbeifliegenden Landschaften zu und wunderte sich, wie viele Orte und
Menschen es in der Welt gibt. Nach langer Fahrt kam sie in Thessaloniki an.

Sehnsüchtig nach einer
Dusche suchte sie sich eine Pension für eine Nacht und reiste am nächsten Tag
weiter nach Chalkidiki. Dort fand sie ein bescheidendes privates Zimmer in einer kleinen Unterkunft mit blauen Fensterläden. Die
Familie war herzlich, sprach gebrochen Deutsch und sie fühlte bei ihnen geborgen.

Der erste Abend.

Nachdem sie den Inhalt ihres
Rucksacks in den kleinen Schrank in ihrem Zimmer eingeräumt hatte, zog sie sich
einen bunten Rock an und ging neugierig hinaus, um die Umgebung zu erkunden. Wie
anders war es hier, als zu hause. Die Welt schien weiß blau zu sein, das Essen
in Öl zu schwimmen und Kälte völlig unbekannt zu sein.

Es dufteten die Zypressen
und an jeder Ecke zwinkerten ihr lächelnd junge Griechen zu, was ihrem
angeschlagenen Selbstwertgefühl gut tat. Andere Menschen schauten irritiert,
wenn sie verwilderte Katzen oder Hunde in den Gassen des Ortes streichelte.

Da noch Zeit bis zum Abendessen
war, verließ sie den kleinen Ort und schickte sich an, am Strand einen
Spaziergang zu machen.

Am Strand alleine.

Mitte der 70er Jahre gab
es in dieser Gegend nur wenige Touristen. Sobald sie am Strand des Ferienortes
die wenigen bunten Sonnenschirme und Liegestühle passierte und sich außerhalb des Ortes begab,
war sie alleine am langen Strand.

Mit der Sonne im Rücken
ging sie barfuß, die Sandalen in der Hand, am Meer entlang und war glücklich
und einsam zu gleich. Wie wunderschön wäre es gewesen, hier mit Achim zu sein.
Aber dieser war in den Armen einer anderen und würde nicht zurück kommen. In
den vergangenen Jahren hatte sie sich ausgemalt, ihr Leben an seiner Seite zu verbringen.
Die Traurigkeit über den Verlust saß ihr wie ein bitterer Kloß im Hals, wenngleich
sie schon Monate Zeit gehabt hatte, sich damit abzufinden.

Was war denn da am
Horizont?

Sie fühlte sich verloren
und gleichzeitig geborgen in der Welt, als sie alleine dort am Strand ging. Die
Sonne stand bereits tief und es war eine merkwürdige Erfahrung, dass sie sich
in dieser schönen Umgebung so sentimental fühlen konnte.

Verloren im Paradies,
dachte sie sich halb schmunzelnd, über ihr Selbstmitleid. Gudrun hob den Blick
und straffte die Schultern, schließlich geht das Leben weiter. Als sie den
Blick am Horizont schweifen ließ, sah sie ein Pünktchen auf sich zukommen.

Desto näher das Pünktchen
kam, desto größer wurde es und nahm die Gestalt eines Mannes an. Als sie sich
erreichten, standen ihnen vor Staunen die Münder offen: Es war Winnie – ein Junge,
der  jahrelang in ihrer Parallelklasse
ging und jeden Morgen im gleichen Bus saß. Er wohnte im Nachbardorf. Nie hatten sie ein Wort miteinander
gesprochen, aber sie kannten sich seit Jahren vom Sehen.

Wortlos blickten sie sich
an und grinsten verlegen.

Irgendwann stotterte Gudrun:
„Wwwiinnie?“ Er rang nach Worten: „Du…hier?“ Auch er war alleine
gereist und so beschlossen sie – nach der ersten Überraschung – zusammen Abend zu essen.

Warum sie erst hier das
erste Mal ins Gespräch kamen, kann sie heute nicht mehr sagen. Es wurde ein
wundervoller und langer Abend, sie redeten über Gott und die Welt und lachten
viel.

Die kommenden Wochen
verbrachten sie gemeinsam und es war der Beginn einer glücklichen Zeit. Sie
verliebten sich schon während des Abendessens unter dem griechischen Sternenhimmel.
Danach waren sie 36 Jahre verheiratet – mit  allen Höhen und Tiefen.

Wenn sie ihn sehr
vermisst, fährt wieder hin.

Vor zwei Jahren ist
Winnie an den Folgen einer Krankheit gestorben und ließ sie und ihre mittlerweile erwachsenen Kinder zurück. Zwar vermag kein anderer seinen Platz einzunehmen, aber sie
haben in ihrer Ehe viele Freundschaften geschlossen. Und so gibt es immer Menschen,
die Zeit für sie haben, wenn sie mit ihrer Trauer und Einsamkeit kämpft.

Dann, wenn ihre Sehnsucht nach
ihm übermächtig wird, fährt sie zu jenem Strand. Dort denkt sie an den Tag – Mitte
der 70er Jahre – als ihr geliebter Winnie als ein Pünktchen am Horizont in ihr
Leben trat und Freude brachte.

Nirgendwo fühlt sie sich
ihm näher, als hier – es sei, als wäre ein Teil von ihnen beiden an diesem
Ort geblieben. Die Wellen flüstern mit jedem Schlag von dem Glück, welches sie hier fand.

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